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Karl Friedrich Henckell

Stiller Festzug

Leise mit heiter-hoher Gebärde,
Unhörbar, unsichtbar der lärmenden Welt
Geht ein Festzug über die Erde...
Seine Schritte streifen mein stilles Zelt.

Seelenmächtig spür' ich es schreiten
Kühnheitatmend, den Blumenpfad;
Triumphierende Lebensklänge geleiten
Seine Spur von Gestad zu Gestad.

Komm Geliebte, tritt aus dem Zelte
Unsrer frohlockenden Liebesrast -
Sieh, wie der Äther rings sich erhellte,
Wie der Himmel die Erde zärtlich umfasst!

Jene vorüberziehnden Gestalten
Stiegen aus zitternden Träumen empor,
Und nun kann unser Auge sie halten,
Bis sich in Goldduft die Ferne verlor.

Will sich der Freien Geschlecht offenbaren?
Deutet des Menschen Erfüllung sich an?
Siehe, das sind unsrer Genien Scharen
Der in Schönheit schaffende Geisterbann!

Leise, mit heiter-hoher Gebärde,
Geht der Festzug über die Welt,
Unhörbar, unsichtbar der lärmenden Herde,
Seine Schritte streifen auch unser verschwiegenes Zelt.