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Vormarsch im Winter
Bespannt von grauem Leichentuche ist der Himmel.
Das Land schneeüberweht.
Eiswind peitscht splittriges Glas in unser Fleisch.
Kein Wetter hemmt den Befehl zum Vormarsch.
Und kein Opfer.
Auf gefrorenem Boden hallt unser Schritt hohl
als gingen wir auf Sargdeckeln riesiger Massengräber.
Einzeln stoßen Strauchstrunke durch den Schnee
wie Hände eines der noch leben wollte.
Vielleicht eines meiner getöteten Freunde.
Bleibt wach! Ihr werdet alle mit uns auferstehen!
Baumkronen, hängen als groteske Fesselballons über der Erde.
Wegweiser zeigen mit schwarzer Hand
in unbekannte Tode.
Seltene Stimmen sprechen wie in leeren Kellergewölben.
Verfluchter Tag.
Die eingewickelten Feldgrauen schleichen neben dem langen Zügel ihrer Tiere
und haben Eisbärte, die Pferde Eisschwänze.
Schritt für Schritt bleibt eins stehen.
Hustet und schüttelt sich vor Kälte.
Die Magenwände schlagen aneinander.
Schleimhäute funktionieren ohne Hilfe.
Im Gleichtakt wiegend wankt die Last
der Berggeschütze auf dem Rücken der Tragtiere.
Öfter muss nachgegürtet werden. Dann stockt es.
Oft umgepackt.
Aber das Ganze kommt vorwärts. Muss vorwärts.
Nur diese einzige wache Freude:
wenn von den Stollen an den Hufen der Pferde
ab und zu ein warmer Feuerfunke springt.
Vor uns gähnt ein dunkles Gebirge
von dessen Gipfel wir heut noch schießen müssen.
Aber es ist noch weit.
Inzwischen fällt ein Pferd um. Ein Mann fällt um.
Am Wegrand ragt ein Kreuz an dem ein Christus friert.